|
Seite 1 von 3 Forcella di Montozzo 
Es gibt Touren, die einen nicht loslassen, auch nicht nach mehreren Monaten, nachdem man sie gefahren ist. Es gibt Touren, die so perfekt sind, dass man sie immer wieder fahren würde, wie in einer Art unendlicher Schleife, aus der raus zu kommen unmöglich ist. Es gibt Touren, die dem wahren und ursprünglichen Mountainbiken entsprechen, mit epischen Auffahrten und atemberaubenden Abfahrten, ein Rausch der Gefühle. Die große Runde über die Forcella di Montozzo und dem Tonalepass ist eine dieser Touren. Allein die Autofahrt zum Startpunkt, in Ponte di Legno, ist eine Reise Wert. Der Gaviapass mit seinen unzähligen Serpentinen und gähnenden Abgründen fordert alles vom Bike-Bus, an manchen Stellen fahren wir wenige Zentimeter an den entgegenkommenden Autos vorbei, rechts geht es senkrecht runter. Ein altes Plakat erinnert an einen Unfall, bei dem Dutzende von Alpini-Soldaten starben, als 1954 ihr LKW in die Tiefe stürzte.
Ponte di Legno war bis vor wenigen Jahren ein verschlafenes Dorf, dann wurde es aber vom Vorsitzenden der Lega Nord, der Partei, die einst die Teilung Italiens zwischen Nord und Süd forderte, als Hauptquartier seiner Winter- und Sommerurlaube gewählt und geriet oft in die Schlagzeilen. Seitdem gehört die Hälfte der Häuser den „Milanesi“, den Mailändern, die im August und zu Weihnachten das Dorf überfluten. Kein Mensch ist dagegen auf der uralten Militärstraße, die von Ponte di Legno zum Forcella di Montozzo führt. Erst in Case di Viso, ein kleines Bauerndorf auf 1565 m Höhe, treffen wir eine Gruppe Alpenüberquerer. Sie sind heute über den Gaviapass gefahren und werden, wie wir, in der Bozzi Hütte (2478 m) übernachten. Eine beliebte Alpenüberquerung führt über die Montozzoscharte ins Val di Sole, dann weiter über die Brenta bis zum Gardasee.
Die konstante Neigung der Militärstraßen beflügelt uns, jeder tritt in seinem Tempo rein und findet das Gleichgewicht zwischen Mühe und Spaß. Das ist genau die Grenze, die so selten gefunden werden kann und die über eine schöne oder eine qualvolle Auffahrt entscheidet. Es gibt Platz für unsere Gedanken oder für eine Konversation, die Höhenmeter verschwinden rasch unter uns und die Hütte ist schon wenige Kurbelumdrehungen entfernt. Der Rifugio Bozzi ist keine besonders gepflegte Hütte, dafür aber mit einer familiären Atmosphäre. Die Hütte ist ziemlich klein und heute sind praktisch nur Biker hier, außer einer italienischen Familie im Urlaub. Gleich wird über die eigene Tour und die Herkunft gesprochen, nach einigen Bier wird es draußen dunkel und ein unglaublicher Sternenhimmel kommt zum Vorschein. Hier oben stört kein Licht das Spektakel über unseren Köpfen, insbesondere nach 22 Uhr, wenn das Licht auf der Hütte ausgeschaltet wird und alle ins Bett schlüpfen. Wir sind nicht so müde wie die Alpenüberquerer, bleiben in dieser fantastischen Sommernacht länger draußen und genießen den Moment. Unbezahlbar!
|