Bernina PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Marco Toniolo   
Tuesday, 28. November 2006
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Bernina
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 Bernina

Bei der Alp Grüm
Wer macht ständig das Licht ein und aus? Träume ich oder bin ich wach? Es ist Taghell für wenige Sekunden, dann sinkt mein Traum wieder in die absolute Dunkelheit einer pechschwarzen und stürmischen Nacht auf 2000 Meter Höhe. Das gleichmäßige Dröhnen der Eisschmelze aus dem Palù Gletscher ist leiser geworden, dafür Wind und Regen erinnern mich, wo ich mich gerade befinde: auf der Alp Grüm, oberhalb von Poschiavo und nicht weit entfernt vom Berninapass. Das Licht meines Zimmer reicht kaum, um da draußen die gewaltigen Regengüssen zu beleuchten. Während der letzen Stunden ist es saukalt geworden, der Gletscher findet in der kalten Sturm seine Ruhe aus der bedrohlich schnellen Schmelze, ich laufe weg vom Fenster und genieße die Wärme meiner Decke. Ich liebe Sommergewitter. Wenn ich sie von unter einem Dach beobachten kann..

Am vergangenen Nachmittag hat uns der erste Regenschauer am Berninapass erwischt. Lorenz, Mauro und ich haben es geschafft bis zum Bernina Ospiz rechtzeitig vor dem Regen zu kommen, Camilla musste aber die fünf Minuten Verspätung auf der Asphaltauffahrt mit einer kalten Dusche bezahlen. Ihr Gesichtsausdruck ist nicht gerade entspannt als sie uns unter dem Dach des Ospizes sieht. Sie ist klatschnass, wir perfekt trocken. Erst vor einem Teller Rührei mit Speck entspannt sich, unsere Schwedin. „Seid ihr nicht an Regen gewohnt, in Schweden?“ fragt wagemutig Mauro. Camilla’s Augen werfen Blitze, wie das Gewitter draußen: „Wenn es regnet bleiben wir drinnen und versuchen nicht, über irgendwelchen Berg mit dem Fahrrad zu kommen!“

Am Lago di Val Viola
Wir bezahlen die horrende Rechnung für unser halbes Mittagessen und fahren weiter in Richtung Alp Grüm. Die Kulisse ist bedrohlicher denn je, mit dem Cambrena Gletscher, der unter schwarzen Gewitterwolken verschindet und dem grauen Wasser des Lago Bianco rechts von uns. Der rote Zug der rätischen Bahn fährt an uns vorbei. Passagiere in den warmen Wagons schauen uns mit großen Augen an, als ob wir eine unmögliche Unternehmung vor uns hätten. Eigentlich handelt es sich nur um 300 Höhenmeter bergab, bis wir ins Trockene kommen. Den Rest der gewaltigen Abfahrt nach Poschiavo behalten wir für morgen, wenn das Wetter sich bessert.

„Eine fantastische Hütte befindet sich bei der Alp Grüm“, schriebt mir Monate davor die Reiseredakteurin dieses Magazins (Bike Magazin) per Email. „Sie liegt auf einem spektakulären Felsvorsprung, mit Blick auf Poschiavo und den Palù Gletscher, supergemütlich“. Ich google mich zur Alp Grüm, suche nach einer Unterkunft mit dem gleichen Name und reserviere sie.
Alp Grüm nach dem Sturm
Wir kommen jetzt zum Felsvorsprung mit der Hütte oben. Draußen steht ein Haufen Bikes im Regen. Ich gehe rein, frage nach unserer Reservierung und, während die Bedienung nach meinem Name sucht, schaue ich voller Neid die Gäste, die im warmen Wollsocken sich unterhalten, relaxed vor einem Bier, in dieser gemütlichen Stube . „Es tut mir leid, aber wir können keine Reservierung auf Ihren Name finden.“ Schon sehe ich Camilla vor mir, nass und wütend, während ich erkläre, dass diese nicht unsere Unterkunft sein wird und, dass wir weiter im Regen fahren müssen. „... und wir sind heute leider ausgebucht. Sind Sie aber sicher, dass Sie bei uns reserviert haben? Vielleicht haben Sie unten am Bahnhof angerufen“. Unten am Bahnhof? Erst beim rausgehen merke ich, dass diese Hütte „Belvedere“ heißt und nicht Alp Grüm. Also, es muss noch eine Unterkunft geben. Tatsächlich, Hundert Höhenmeter weiter unten, direkt am Bahnhof der Rätischen Bahn, gibt es eine Art Pension. Hier bin ich also durch Google gelandet. Unser Zimmer bietet einen fantastischen Blick zum Palù Gletscher und hat sogar eine elektrische Heizung, ideal zum Klamotten trocknen. Dagegen erinnert das Restaurant an einen Wartesaal und die letzte Runde Bier gibt es um neun Uhr. Es gibt nicht so viel zu tun hier, abends. Trainspotting ist auch nicht wirklich angesagt, weil nachts die Bahn still steht. Wir kriechen ins Bett, während draußen der Sturm tobt.

Der Morgen kommt wie aus dem Bilderbuch. Ein Regenbogen direkt vor unserem Fenster, klarer Himmel und frischer Schnee ab 2400 Meter. Der Wind weht noch stürmisch aus dem Norden, die Luft ist kalt und wir müssen alles anziehen, was wir dabei haben, um die ewiglange Abfahrt nach Poschiavo zu starten. Dieses legendäre Downhill, mit seinen unzähligen Passagen über die Gleise der Bahn, war schon seit langen in meiner „To do“ Liste und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Erst ein steiler Karrenweg mit gemeinen Wasserrinnen, die ihr Tribut im Form eines Platten erfordern, später ein Singletrail mit Flow, dann verblockte Passagen a la Gardasee. Wenn man die Abfahrt von ganz oben am Lago Bianco beginnt, sind es 1200 Höhenmeter, bevor man ins flaches Gelände kommt. „Das ist super!“ schreit Camilla am Ende der Abfahrt. Ihre Laune ist heute wieder gut und die Strapazen von gestern sind schon vergessen.

Val Viola